Reinhard Müller-Mehlis
2006, nach zwölf Jahren besuchte Reinhard Müller-Mehlis wieder das Atelier vonTassilo Hofer in Amerang
Tassilo Hofer
„Es gibt bei mir in der Regel keine Entwürfe. Meine Bilder entstehen auf der Leinwand“, betont Tassilo Hofer. Kein unmittelbares Vorarbeiten also und keine Übertragung ins Bild, kein Studienmaterial zur Erprobung eines Motivs. Die jeweilige Konzeption existiert vor dem inneren Auge, sie kann während des Malens variiert, ergänzt und vollends geklärt werden: eine Methode des E n t w i c k e l n s also, die bis zum Ergebnis o f f e n bleibt für Ideen und Assoziationen, die sich erst während der Arbeit am Bild einstellen, auch wenn das ursprüngliche Konzept beibehalten wird. Der Freiheit des Gestaltens sind die Grenzen des Gelingens gesetzt – doch darüber entscheidet der Künstler selber, im möglichen Ausgleich zwischen dem Unbewussten und dem planenden, kontrollierenden Bewusstsein.
Alles in Hofers Bildern ist durchdrungen vom Bestreben nach einer Ausgewogenheit von strenger Komposition und immanenter Dynamik, vom Streben nach einem Gleichgewicht zwischen Gedanklichkeit und Emotion.
Auf ergiebige Weise vermag Hofer, in Varianten struktureller Verwandtschaften und Entsprechungen zu arbeiten. Es gibt die Gruppen der teils transparenten, in die Tiefe reichenden Schichtungen bei ihm, die felsartig gezackten Formationen des Rot, Blau und Grau in ihren Abstufungen. Es gibt die schwingenden, organisch wuchernden und fließenden Formen und schließlich die angedeutete Vergitterung eines züngeln-den Rot, Blau oder Grün, eine Abwehr des Eingriffs ins allemal d y n a m i s c h e Geschehen.
Wege werden gebahnt, die einander kreuzen. Wege, welche abwärts stürzen oder aufsteigen ins Ungewisse. Ihre Ränder sind keineswegs glatt begrenzt oder akkurat angelegt. Sie zeigen Bewegung und Richtung an, ohne geplant zu sein. Sie kennen ihre Herkunft nicht und haben kein Ziel. Wer sich diesen Wegen anvertraut, bleibt im Ungewissen. Ein Wiederkehren der Richtung nach rechts oben erklärt Hofer mit seiner persönlichen Sicht der Dinge, ohne ihr eine spezifische Bedeutung zu unterlegen, abzuleiten womöglich aus der Dynamik des Malprozesses heraus und gesteuert von der Tendenz ins a u f s t e i g e n d P o s i t i v e. Ein Titel wie „Toledo“ mag dazu anregen, über eigene gegenständliche Vorstellungen oder Erinnerungen nachzudenken, doch er bleibt vielleicht nur ein Hilfsmittel der Verständigung über einen Bildcharakter, der den Künstler über das gegenständlich Wiedererkennbare stets hinausgelangen lässt.
„Der Mensch kann nicht schaffen, was nicht da ist, er kann nur entdecken, erkennen, das Gegenstandslose ist lediglich Unbekanntes, Ungewohntes“, sagt Tassilo Hofer. Sein e i d e t i s c h e s B e w u ß t s e i n funktioniert wie ein Speicher variabler Assoziationen, welche aus Wahrnehmungen resultieren und aus erinnerten Momenten, die in anderer Zusammensetzung wiederkehren, ohne dass er selber Rechenschaft abzulegen hat über die Einzelmomente oder die Gesamtheit einer Komposition. Er sagt: „Ich male. Was jemand in meinen Bildern sieht oder damit macht, ist ein anderes Thema“. Deutungsversuchen während des Malprozesses entgegenkommen zu wollen, würde den Maler daran hindern, ein in sich geschlossenes Ergebnis zu erreichen. Derartige Zugeständnisse an eine allgemeine oder individuelle, jeweils gegenständliche Deutungslust bietet der Maler nicht an. „Ich male für ein Publikum, das offen ist für das Ungewisse, das Vielleicht, das wir versuchen zu verdrängen, obwohl es uns in jedem Augenblick begleitet“.
Tassilo Hofer gibt Hinweise auf die ursprüngliche Herkunft von Bildideen, wenn er selber sich angeregt fühlt durch eigene Erlebnisse und Beobachtungen. Wenn er eine Kreta-Reise erwähnt, meint er die im Bild bewältigte Erinnerung an den Charakter von Gebirge und Meeresküsten, an organische wie anorganische Strukturen. Der Charakter des Allgemeinen überwindet dabei das womöglich Spezifische.
Im Bild „Afrika Tanzt“ (1968) sind weder Tänzer noch Tänzerinnen zu sehen. Die vor gelben Grund tanzenden, in dunklen Blau- und Grüntönen gegebenen bizarren Formen scheinen eher die großmächtige Vegetation zu meinen – eine Formenwelt also, die einen Gesamtcharakter des Sichtbaren enthält und nicht Einzelmomente des womöglich Zufälligen. Angestrebt wird ein möglichst übergreifend gültiger Charakter. Hervorgegangen ist dieses Bild aus Hofers damaliger Arbeit für die Ausstattung des gleichnamigen Spielfilms.
Seine Tätigkeiten als Bühnenbildner, Filmarchitekt und für die Gestaltung öffentlicher Bauten kann er nachweisen in einer Vielzahl oft anmutiger Entwürfe, die zurückreichen bis in die fünfziger Jahre. Damit bekräftigt er zugleich seine enormen Leistungen der Abstraktion in teils großen Formaten, wo Temporäres stets umgesetzt ist in ein allgemein Gültiges – selbst dort, wo es für das wehende und stürzende Rot eines „Abschieds“ über blauen Strömen, die vergehen, einen sehr schmerzlichen Anlass gab, 1966, (Bild 1969).
Ein Maler wie Tassilo Hofer kann nicht dauerhaft angesiedelt sein in einer Großstadt mit ihren vielfältigen Einflüssen aus divergierenden Richtungen. Seinen Sitz hat er seit 1969 in einer seinerzeit noch ruinösen, längst für die eigenen Zwecke nutzbar gemachten alten Mühle am tatsächlich reißenden Bach, abseits gelegen in der Bauernlandschaft bei Wasserburg am Inn, in einer Art kleinem Naturpark. Alles Behelfsmäßige liegt zurück. Längst hat sich der aus weltläufigen Berliner Ansprüchen ins Natürliche zurückgekehrte Künstler ausschließlich auf seine Malerei konzentriert: auf die Gestaltung insularer Situationen, die Kreta meinen können, eine Fata Morgana oder den Feuervogel oder eine leichte Vergitterung des Eigentlichen.
Der aus Augsburg stammende Tassilo Hofer zieht – in der räumlichen Annäherung an seinen aus Teisendorf stammenden Vater August Hofer – die Summe aus Kunst und Möglichkeiten. Der Großvater hatte für die Achthaler Carolinenhütte als Fassmaler und Vergolder gearbeitet, der Vater machte sich einen Namen als Augsburger „Expressiver Realist“, dessen Erbe der Sohn treulich bewahrt.
Nun umgibt im Werk des Enkels und Sohnes ein flammendes Rot das aufsteigende Grün, welches wiederum ein helles Blau in sich schließt – ein roter Keil dringt von rechts her in ein bauchiges Grün. - „Das G e h e n hinterlässt Spuren“ sagt Tassilo Hofer, „die wichtigen, eindrücklichen wollen festgehalten sein“. – Er wird Spuren hinterlassen.
Reinhard Müller-Mehlis
Tassilo Hofer
„Es gibt bei mir in der Regel keine Entwürfe. Meine Bilder entstehen auf der Leinwand“, betont Tassilo Hofer. Kein unmittelbares Vorarbeiten also und keine Übertragung ins Bild, kein Studienmaterial zur Erprobung eines Motivs. Die jeweilige Konzeption existiert vor dem inneren Auge, sie kann während des Malens variiert, ergänzt und vollends geklärt werden: eine Methode des E n t w i c k e l n s also, die bis zum Ergebnis o f f e n bleibt für Ideen und Assoziationen, die sich erst während der Arbeit am Bild einstellen, auch wenn das ursprüngliche Konzept beibehalten wird. Der Freiheit des Gestaltens sind die Grenzen des Gelingens gesetzt – doch darüber entscheidet der Künstler selber, im möglichen Ausgleich zwischen dem Unbewussten und dem planenden, kontrollierenden Bewusstsein.
Alles in Hofers Bildern ist durchdrungen vom Bestreben nach einer Ausgewogenheit von strenger Komposition und immanenter Dynamik, vom Streben nach einem Gleichgewicht zwischen Gedanklichkeit und Emotion.
Auf ergiebige Weise vermag Hofer, in Varianten struktureller Verwandtschaften und Entsprechungen zu arbeiten. Es gibt die Gruppen der teils transparenten, in die Tiefe reichenden Schichtungen bei ihm, die felsartig gezackten Formationen des Rot, Blau und Grau in ihren Abstufungen. Es gibt die schwingenden, organisch wuchernden und fließenden Formen und schließlich die angedeutete Vergitterung eines züngeln-den Rot, Blau oder Grün, eine Abwehr des Eingriffs ins allemal d y n a m i s c h e Geschehen.
Wege werden gebahnt, die einander kreuzen. Wege, welche abwärts stürzen oder aufsteigen ins Ungewisse. Ihre Ränder sind keineswegs glatt begrenzt oder akkurat angelegt. Sie zeigen Bewegung und Richtung an, ohne geplant zu sein. Sie kennen ihre Herkunft nicht und haben kein Ziel. Wer sich diesen Wegen anvertraut, bleibt im Ungewissen. Ein Wiederkehren der Richtung nach rechts oben erklärt Hofer mit seiner persönlichen Sicht der Dinge, ohne ihr eine spezifische Bedeutung zu unterlegen, abzuleiten womöglich aus der Dynamik des Malprozesses heraus und gesteuert von der Tendenz ins a u f s t e i g e n d P o s i t i v e. Ein Titel wie „Toledo“ mag dazu anregen, über eigene gegenständliche Vorstellungen oder Erinnerungen nachzudenken, doch er bleibt vielleicht nur ein Hilfsmittel der Verständigung über einen Bildcharakter, der den Künstler über das gegenständlich Wiedererkennbare stets hinausgelangen lässt.
„Der Mensch kann nicht schaffen, was nicht da ist, er kann nur entdecken, erkennen, das Gegenstandslose ist lediglich Unbekanntes, Ungewohntes“, sagt Tassilo Hofer. Sein e i d e t i s c h e s B e w u ß t s e i n funktioniert wie ein Speicher variabler Assoziationen, welche aus Wahrnehmungen resultieren und aus erinnerten Momenten, die in anderer Zusammensetzung wiederkehren, ohne dass er selber Rechenschaft abzulegen hat über die Einzelmomente oder die Gesamtheit einer Komposition. Er sagt: „Ich male. Was jemand in meinen Bildern sieht oder damit macht, ist ein anderes Thema“. Deutungsversuchen während des Malprozesses entgegenkommen zu wollen, würde den Maler daran hindern, ein in sich geschlossenes Ergebnis zu erreichen. Derartige Zugeständnisse an eine allgemeine oder individuelle, jeweils gegenständliche Deutungslust bietet der Maler nicht an. „Ich male für ein Publikum, das offen ist für das Ungewisse, das Vielleicht, das wir versuchen zu verdrängen, obwohl es uns in jedem Augenblick begleitet“.
Tassilo Hofer gibt Hinweise auf die ursprüngliche Herkunft von Bildideen, wenn er selber sich angeregt fühlt durch eigene Erlebnisse und Beobachtungen. Wenn er eine Kreta-Reise erwähnt, meint er die im Bild bewältigte Erinnerung an den Charakter von Gebirge und Meeresküsten, an organische wie anorganische Strukturen. Der Charakter des Allgemeinen überwindet dabei das womöglich Spezifische.
Im Bild „Afrika Tanzt“ (1968) sind weder Tänzer noch Tänzerinnen zu sehen. Die vor gelben Grund tanzenden, in dunklen Blau- und Grüntönen gegebenen bizarren Formen scheinen eher die großmächtige Vegetation zu meinen – eine Formenwelt also, die einen Gesamtcharakter des Sichtbaren enthält und nicht Einzelmomente des womöglich Zufälligen. Angestrebt wird ein möglichst übergreifend gültiger Charakter. Hervorgegangen ist dieses Bild aus Hofers damaliger Arbeit für die Ausstattung des gleichnamigen Spielfilms.
Seine Tätigkeiten als Bühnenbildner, Filmarchitekt und für die Gestaltung öffentlicher Bauten kann er nachweisen in einer Vielzahl oft anmutiger Entwürfe, die zurückreichen bis in die fünfziger Jahre. Damit bekräftigt er zugleich seine enormen Leistungen der Abstraktion in teils großen Formaten, wo Temporäres stets umgesetzt ist in ein allgemein Gültiges – selbst dort, wo es für das wehende und stürzende Rot eines „Abschieds“ über blauen Strömen, die vergehen, einen sehr schmerzlichen Anlass gab, 1966, (Bild 1969).
Ein Maler wie Tassilo Hofer kann nicht dauerhaft angesiedelt sein in einer Großstadt mit ihren vielfältigen Einflüssen aus divergierenden Richtungen. Seinen Sitz hat er seit 1969 in einer seinerzeit noch ruinösen, längst für die eigenen Zwecke nutzbar gemachten alten Mühle am tatsächlich reißenden Bach, abseits gelegen in der Bauernlandschaft bei Wasserburg am Inn, in einer Art kleinem Naturpark. Alles Behelfsmäßige liegt zurück. Längst hat sich der aus weltläufigen Berliner Ansprüchen ins Natürliche zurückgekehrte Künstler ausschließlich auf seine Malerei konzentriert: auf die Gestaltung insularer Situationen, die Kreta meinen können, eine Fata Morgana oder den Feuervogel oder eine leichte Vergitterung des Eigentlichen.
Der aus Augsburg stammende Tassilo Hofer zieht – in der räumlichen Annäherung an seinen aus Teisendorf stammenden Vater August Hofer – die Summe aus Kunst und Möglichkeiten. Der Großvater hatte für die Achthaler Carolinenhütte als Fassmaler und Vergolder gearbeitet, der Vater machte sich einen Namen als Augsburger „Expressiver Realist“, dessen Erbe der Sohn treulich bewahrt.
Nun umgibt im Werk des Enkels und Sohnes ein flammendes Rot das aufsteigende Grün, welches wiederum ein helles Blau in sich schließt – ein roter Keil dringt von rechts her in ein bauchiges Grün. - „Das G e h e n hinterlässt Spuren“ sagt Tassilo Hofer, „die wichtigen, eindrücklichen wollen festgehalten sein“. – Er wird Spuren hinterlassen.
Reinhard Müller-Mehlis